GVG-Fachtagung: Für alle Lebensphasen – Rehabilitation in Deutschland

28. November 2019 Berlin

Rehabilitation bietet Menschen in Krankheit und Krise passende Angebote. Sie umfasst, ausgehend von Kindheit und Jugend über das Berufsleben bis hin ins hohe Alter, jede Phase des Lebens. Als wesentlicher Baustein sozialer Sicherung stellt das Rehabilitationssystem in Deutschland auch einen gewichtigen Standortfaktor dar.

Dennoch wird Rehabilitation in Deutschland als Zukunftsthema bisher oft unterschätzt. Und das, obwohl ihre Bedeutung zunimmt: Denn der Altersdurchschnitt der deutschen Bevölkerung steigt. Auch die Arbeitswelt mit ihren Umbrüchen in Richtung Digitalisierung und steigenden Herausforderungen für den Einzelnen verändert sich rasant.

Doch ist die Rehabilitation für die Zukunft gewappnet? Bekommt die Rehabilitation in Politik und Gesellschaft die Anerkennung, die ihr zusteht? Zu diesen zentralen Fragen diskutierten Leistungsträger und -erbringer der medizinischen und beruflichen Reha, Akteure aus der Politik sowie Vertreter aus der Praxis auf unserer Fachtagung „Für alle Lebensphasen: Rehabilitation in Deutschland“.

Die Fachtagung in Bildern

Karl Schiewerling, Vorsitzender der Rentenkommission „Verlässlicher Generationenvertrag“; © Sablotny Fotografie

Frank Smeddinck, Dienststellenleiter der Landesvertretung Sachsen-Anhalt beim Bund; © Sablotny Fotografie

Moderator Jürgen Zurheide,WDR; © Sablotny Fotografie

Brigitte Gross, Deutsche Rentenversicherung Bund, Vorsitzende der GVG-Facharbeitsgruppe Rehabilitation; © Sablotny Fotografie

Dr. Petra Becker, Dr. Becker Klinikgesellschaft, Ko-Vorsitzende der GVG-Facharbeitsgruppe Rehabilitation; © Sablotny Fotografie

v.l.n.r.: Dr. Petra Becker, Jürgen Zurheide, Brigitte Gross; © Sablotny Fotografie

Alwin Baumann, Bündnis Kinder- und Jugendreha e.V.; © Sablotny Fotografie

Dr. Sylvia Beisel, Salus Klinik Lindow; © Sablotny Fotografie

Pierre Noster, INN-tegrativ gGmbH; © Sablotny Fotografie

Dr. Norbert Lübke, Kompetenz-Centrum Geriatrie, MDK Nord; © Sablotny Fotografie

Dr. Monika Kücking, Leiterin der Abteilung Gesundheit des GKV-Spitzenverbandes; © Sablotny Fotografie

Podiumsdiskussion, v.l.n.r.: Dr. Monika Kücking, Karl Schiewerling, Dr. Petra Becker, Brigitte Gross; © Sablotny Fotografie

Die Vorsitzenden der GVG-Facharbeitsgruppe Rehabilitation: Dr. Petra Becker, Brigitte Gross; © Sablotny Fotografie

GVG-Geschäftsführer Dr. Sven-Frederik Balders; © Sablotny Fotografie

Die wichtigsten Inhalte


Gespräch zu Stand und Ziel der GVG-Facharbeitsgruppe Rehabilitation

aus dem Blickwinkel der Leistungsträger:

Brigitte Gross, Deutsche Rentenversicherung Bund, Vorsitzende der GVG-Facharbeitsgruppe Rehabilitation

Unter dem Dach der GVG entwickeln die in der Facharbeitsgruppe Rehabilitation versammelten Akteure der Rehabilitation ein gemeinsames Positionspapier. Es soll Nutzen und Stärke der Reha darstellen, mit Vorurteilen aufräumen und so die Bedeutung der Rehabilitation in der Wahrnehmung der Politik stärken.

Der Mensch steht im Mittelpunkt des Handelns. Durch auf das Individuum zugeschnittene Maßnahmen profitiert er in Bezug auf Teilhabe am Leben in der Gesellschaft und im Beruf.

Leistungsträger und Leistungserbringer gewährleisten gemeinsam eine rehabilitative Versorgung der Menschen in allen Lebenslagen.


aus dem Blickwinkel der Leistungserbringer:

Dr. Petra Becker, Dr. Becker Klinikgesellschaft, Ko-Vorsitzende der GVG-Facharbeitsgruppe Rehabilitation

Das deutsche Gesundheitssystem verfügt über weltweit vorbildliche rehabilitative Versorgungsstrukturen. Vernetzung hängt aber davon ab, wie die Akteure miteinander umgehen; das Ziel: möglichst geringer Reibungsverlust.

Fortschrittliche Technologien erlauben es in Zukunft, Programme zur Verhaltensänderung auf Basis einer interdisziplinären Vernetzung zu gestalten. Digitalisierung kann ein Weg sein, Menschen in ländlichen Gebieten den Zugang zu Rehabilitation zu erleichtern.

Die bisherigen Versorgungsstrukturen sehen allerdings eine starke Trennung der Sektoren der Gesundheitsversorgung vor. Diese steht der Wirksamkeit ganzheitlicher rehabilitativer Maßnahmen entgegen.

Ziel muss es sein, das Gesundheitssystem so zu gestalten, dass eine verbesserte räumliche, inhaltliche und zeitliche Verfügbarkeit der rehabilitativen Versorgung sichergestellt wird.

Kernforderungen:

  • Flexibilität der Versorgungsstrukturen stärken
  • Patientenzentrierte Fallführung bei Rehabilitationsbedarf
  • Digitale Rehabilitation ergänzen
  • Stärkere Berücksichtigung der Rehabilitation in der Gesundheitspolitik


Impulsvortrag: Die Rehabilitation im deutschen Sozialversicherungssystem

Karl Schiewerling, Vorsitzender der Rentenkommission „Verlässlicher Generationenvertrag“

Die Demografie verändert sich, Hinweise auf die jetzt zu beobachtende Entwicklung gibt es seit 45 Jahren. Der Veränderungsprozess wird sich verschärfen.

Prävention und Reha sind auch Themen in der Rentenkommission: Sie richtet den Blick über 2040 hinaus. Vergessen wird oft: Die künftige Rentnergeneration ist schon geboren.

In der öffentlichen Wahrnehmung ist die Rehabilitation noch Randthema, aber nicht für den Arbeitgeber: Ihm muss es darum gehen, Beschäftigte wieder leistungsfähig zu machen.

Wünsche für die Zukunft der Reha:

  • Flexibilisierung in der Reha
  • Diversifizierung der Rehaangebote, mehr ambulante Reha => nicht ambulant und stationär gegeneinander ausspielen => trägerübergreifend Lebenssituation anschauen

Hindernisse:

  • System und Strukturen, Beharrungsvermögen einzelner Akteure stehen Vernetzung und Flexibilisierung entgegen. Jeder Träger hat eine eigene Kultur, ein eigenes Regelwerk, ein eigenes Finanzierungssystem.
  • Nicht jeder Hausarzt weiß, wer zuständig ist.
  • Der Kostenblick herrscht bei den Kostenträgern noch vor: => nicht nur die Kosten, den Menschen in den Blick nehmen.

Der beste Weg wäre die Bereitschaft der Akteure, aufeinander zu zugehen und u.a. die gemeinsame Reha-Forschung zu stärken.


Kurzstatements aus der Praxis

Guter Start ins Leben – Rehabilitation für Kinder

Alwin Baumann, Bündnis Kinder- und Jugendreha e.V.

Mit dem „Positionspapier der gesetzlichen Rentenversicherung zur Rehabilitation von Kindern und Jugendlichen 2012“ hat die DRV ihre Zuständigkeit für die Kinder- und Jugendrehabilitation unterstrichen. Mit dem Flexirentengesetz vom Dezember 2016 wurde die stationäre Kinder- und Jugendrehabilitation gestärkt. Seither nimmt die Zahl der Anträge und Bewilligungen zu. Aufgabe ist es nun, diese Entwicklung mit folgenden Aktivitäten zu fortzusetzen:

  • Vorrangige Zuständigkeit der Deutschen Rentenversicherung für die Kinder- und Jugendrehabilitation
  • Zugang zur Kinder- und Jugendrehabilitation vereinfachen
  • Ausweitung der Familienorientierung in der Kinder- und Jugendreha
  • Problem: finanzielle Ausstattung der Schulen; Klinikschulen sind von Land zu Land mal schlechter, mal besser ausgestattet; Lösung: Klinikschulen bundesweit gleich organisieren und finanzieren, schulische Rehabilitation und Schulunterricht in den Klinikschulen ausweiten


Fit für Ausbildung und Beruf – Rehabilitation für Jugendliche

Dr. Sylvia Beisel, Salus Klinik Lindow

Statement 1:

Rehabilitation leistet einen wichtigen Beitrag in der Gesundheitsversorgung von Jugendlichen mit chronischen Erkrankungen und psychischen Auffälligkeiten.

Gesundheitliche Einschränkungen wirken sich z.B. auf das Leistungsvermögen in Schule und Ausbildung, aber auch auf das soziale Umfeld (Freundeskreis, Familie) und das Selbstwertgefühl aus.

Frühzeitige Rehabilitationsmaßnahmen können Auswirkung der Erkrankung auf die spätere Erwerbssituation minimieren oder abwenden. Die betroffenen Jugendlichen sollten durch die Rehabilitation Unterstützung dabei erhalten, ihren Schul- oder Ausbildungsabschluss zu schaffen.

Hierzu ist eine zeitintensive Vernetzungsarbeit erforderlich: mit Schulen, mit Eltern, mit Ausbildungsbetrieben, mit therapeutischen Wohngemeinschaften, mit Nachbehandlern, mit Jugendämtern, mit Berufsförderungswerken.

Statement 2:

Viele wissen nicht, dass die medizinische Rehabilitation sowohl über die Krankenkasse als auch über die Rentenversicherung möglich ist.

Das Antragsverfahren für die medizinische Rehabilitation über die Krankenkasse ist einfacher als die Rehabilitation für Jugendliche über die Rentenversicherung.

Ärzte oder Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten, die Jugendlichen selbst und deren Eltern schrecken häufig vor dem Antragsverfahren einer Rehabilitation zurück.

Statement 3:

Für welche gesundheitlichen Beeinträchtigungen eine (Jugend-) Rehabilitation zuständig ist, ist nicht immer klar und wird von den Leistungsträgern unterschiedlich bewertet. Im Fall von Essstörungen werden viele Anträge für eine Rehabilitation von Jugendlichen von der Rentenversicherung abgelehnt.

Statement 4: Was brauchen wir zukünftig?

Rehabilitationsträger sollten sich schneller für neue oder bisher ungenügend beachtete Störungsbilder bei Jugendlichen zuständig fühlen und neben den klassischen Erkrankungen (Haut-, Atemwegserkrankungen, Adipositas) auch klarere Zuständigkeit für psychische Erkrankungen (Essstörungen, pathologischer Mediengebrauch) übernehmen.

Nicht alle können alles: In Zentren könnte die Expertise aus verschiedenen Bereichen zusammenfließen. Das wäre auch kostengünstiger für die Leistungsträger. Die Strukturen dafür müssten ausgebaut bzw. geschaffen werden.


Zurück ins Arbeitsleben – Reha für Berufstätige

Pierre Noster, INN-tegrativ gGmbH

Aktuelle Herausforderungen in der beruflichen Reha

Rehabilitanden:

Die Problemlagen der Rehabilitanden werden komplexer: Psychische Belastungen in Kombination mit prekären sozialen Situationen nehmen gegenüber ausschließlichen körperlichen Einschränkungen zu.

Lösungsansatz: Berufliche Rehabilitation mit sektorenübergreifender Verzahnung in die medizinische Rehabilitation (Integrationsmaßnahme INN³)

Leistungserbringung:

Rehabilitationsprozesse müssen stärker individuell gestaltet werden. Die Leistungserbringung steht dabei im Spannungsfeld zwischen den Bedarfen des Rehabilitanden, der wirtschaftlichen Tragfähigkeit von Interventionen, dem konkreten Auftrag des Rehabilitationsträgers, den gesetzlichen Rahmenbedingungen sowie der Fachlichkeit des Fallmanagers.

Lösungsansatz: Einführung von Case-Management als Steuerungsinstrument für das Reha-und Integrationsmanagement.

Arbeitsmarkt:

Die Halbwertszeit von Wissen sinkt und erfordert von den Rehabilitanden die Bereitschaft und Fähigkeit zum lebenslangen Lernen.

Lösungsansatz: Umstellung auf das Konzept Lernprozessbegleitung in der Qualifizierung – individuelle Schul-, Arbeits-und Lebenserfahrungen von Rehabilitanden stärker berücksichtigen.


Teilhabe in Würde – Geriatrische Rehabilitation

Dr. Norbert Lübke, Kompetenz-Centrum Geriatrie, MDK Nord

Geriatrische Patienten sind auch nach der Reha auf Hilfe angewiesen. Maßnahmen sollten nicht isoliert betrachtet, Angehörige eingebunden werden.

Forderungen:

  • Die geriatrische Rehabilitation muss weiter ausgebaut, wohnortnah erbracht und damit stärker ambulantisiert werden.
  • Nötig sind mehr mobile geriatrische Rehabilitationsangebote.
  • Die geriatrische Rehabilitation muss zielgruppenspezifischer und bedarfsgerechter erbracht werden
  • Der notwendige Ausbau geriatrischer Rehabilitation sollte überwiegend in der ambulanten und mobilen Rehabilitation erfolgen.