GVG-Herbstgespräch 2020: Digitalisierung als ethische Herausforderung für soziale Sicherung

29. September 2020 Berlin

Prof. Dr. Peter Dabrock; © GVG

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Im Verlauf der Covid-19-Pandemie muss auch die GVG ihre Veranstaltungsformate anpassen. Um alle gebotenen Hygiene- und Abstandsregeln einhalten zu können, haben wir unseren traditionellen Parlamentarischen Abend anders als ursprünglich geplant in diesem Jahr als exklusives Herbstgespräch mit begrenzter Teilnehmerzahl ausgerichtet. Im Zentrum des Abends standen die Themen Digitalisierung und Ethik.

Ob in Diagnose- oder Therapieverfahren, in der Rehabilitation oder der sozialen Sicherung allgemein – künstliche Intelligenz (KI) schafft neue Möglichkeiten, aber auch Risiken. Sollen KI-Anwendungen ihren Platz im Gesundheitswesen finden, müssen sie Qualitätskriterien wie Verlässlichkeit, Sicherheit, Transparenz und Fairness sowie ethisch-moralische Vorgaben erfüllen. Damit hat der Einzug des Digitalen in die soziale Sicherung auch eine ethische Dimension.

Die aktuelle Brisanz dieses Themas beleuchtete Prof. Dr. Peter Dabrock, Lehrstuhlinhaber für Systematische Theologie, Universität Erlangen-Nürnberg, und ehemaliger Vorsitzender des Deutschen Ethikrats, mit seinem Gastvortrag „Digitalisierung als ethische Herausforderung für soziale Sicherung“.

Die wichtigsten Inhalte des Vortrags

Prof. Dr. Peter Dabrock, Lehrstuhlinhaber für Systematische Theologie, Universität Erlangen-Nürnberg, und ehemaliger Vorsitzender des Deutschen Ethikrats

Die Gesellschaft der Zukunft wird digital sein oder sie wird keine sein.

Die Entscheidung eines Menschen, der Forschung persönliche medizinische Daten zur Verfügung zu stellen, kann die Medizin voranbringen, Stichwort „E-Patientenakten“. Die Bereitschaft, Daten zu spenden, steigt, wenn ein Mensch persönlich unmittelbar betroffen ist, etwa in Form einer schweren Krankheit.

In Deutschland besteht an sich ein hohes Maß an grundsätzlicher Solidaritätsbereitschaft. In den letzten Jahren hat sich eine intensive Debatte über Ethik und Künstliche Intelligenz (KI) entwickelt, die aber nicht zu Stärkung des Vertrauens geführt hat. Oft wird der Verdacht geäußert, das Interesse von Forschung und Politik an Daten sei industriegesteuert.

Dabei haben die Deutschen großes Interesse an Technologie allgemein und KI im besonderen. Das alte Solidarprinzipder der Sozialen Sicherung bietet zudem eine angemessene Grundlage, Vertrauen herzustellen und hat seine Zukunft noch vor sich.Darauf lässti sich aufbauen.

Solidarität braucht Eigenverantwortung und Vertrauenswürdigkeit. Nur wenn sich die Menschen in Deutschland kompetent im Umgang mit der neuen Technologie fühlen und den Datenerfassungsprozess selbst mitbestimmen können, akzeptieren sie neue Technologien auch. Und nur dann ist Datenspende möglich. Das „Datensubjekt“ ist als Souverän zu würdigen.

Die Datengenerierung muss vertauenswürdig sein: Der Mensch muss noch eingreifen können. Es muss schnelle, effektive Möglichkeit geben, Daten auf Plausibilität zu hinterfragen.

Es ist notwendig, Verfahren und Tools zu finden, die helfen, Datensouveränität und informationelle Freiheit des Einzelnen zu schützen und zu fördern. Hier ist auch die Politik gefragt, besonders der Bundesminister für Gesundheit, Jens Spahn. Er müsste auf die Datenspende ebensoviel Gewicht legen wie auf die Organspende.