GVG-Perspektive Nr. 26 – Meinungsbeitrag von Charlotte Wind und Axel Weber (Kompetenznetz Einsamkeit)

Das Thema Einsamkeit sollte bereichsübergreifend gedacht werden

27.01.2026

Einsamkeit wurde in den letzten Jahren zunehmend als gesellschaftlich relevantes Thema erkannt. Langanhaltende Einsamkeit ist mit diversen negativen Auswirkungen auf die Gesundheit von Menschen und die Gesellschaft verbunden. Zu den gesundheitlichen Auswirkungen zählen z.B. ein erhöhtes Risiko für Depressionen und suizidale Gedanken sowie für Herz-Kreislauf-Erkrankungen (Bücker 2022).

Die Kommission „Social Connection“ der Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat im Jahr 2025 einen Bericht vorgelegt, in dem sie Einsamkeit und soziale Isolation als soziale Themen mit dringendem Handlungsbedarf benennt. Die Vorbeugung und Linderung von Einsamkeit versteht sie als wichtigen Beitrag zur sozialen Gesundheit und ruft verschiedene Akteur*innen aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen dazu auf, Maßnahmen zu ergreifen. Um eine systematische Veränderung zu erzielen sei es dabei wichtig, ein breites Spektrum von Beteiligten zu gewinnen, die gemeinsame Ziele durch ein koordiniertes Handeln erreichen möchten. (WHO 2025)  Im Folgenden möchten wir einen Blick darauf richten, welche Vorteile mit einer stärker bereichsübergreifenden Bearbeitung des Themas verbunden sind. 

Die Relevanz Einsamkeit bereichsübergreifend zu denken, wird an den vielfältigen und sich zum Teil verstärkenden Ursachen und Auswirkungen deutlich. Da Einsamkeit sowohl ein soziales, gesundheitliches als auch gesellschaftliches Thema ist und verschiedene Lebensbereiche und Lebensphasen betrifft, können isolierte Maßnahmen zu kurzgreifen. Insbesondere die Wechselwirkungen von verschiedenen Faktoren verdeutlichen, dass wirksame Prävention und Intervention nur durch bereichsübergreifendes Zusammenwirken verschiedener Akteur*innen und Systeme erreicht werden können. Das Zusammenspiel von Gesundheitswesen, Sozialarbeit, Quartiersentwicklung und zivilgesellschaftlichem Engagement ermöglicht es, sowohl die gesundheitlichen als auch die sozialen und gesellschaftlichen Ursachen und Folgen von Einsamkeit wirksam zu adressieren.

Eine zentrale Frage zur Verbesserung der Vorbeugung und Linderung von Einsamkeit ist, wie betroffene und einsamkeitsgefährdete Menschen erreicht werden können. Indem Einsamkeit bereichsübergreifend gedacht und Zuständigkeiten verteilt werden, können Zugänge zu einer breiten Zielgruppe geschaffen werden. Dies verringert das Risiko, dass Betroffene von bestehenden Angeboten nicht erreicht werden, zugleich steigt die Zahl von Anlaufstellen, über die Kontakte zu Hilfs- und Unterstützungsangeboten vermittelt werden können.

Ein Beispiel für bereichsübergreifendes Agieren ist das Projekt „Social Prescribing EU“ an der Berliner Charité. „Social Prescribing“ hat zum Ziel, die Gesundheit und das soziale Miteinander von Menschen zu unterstützen indem nichtmedizinische Interventionen verschrieben (egl. „prescribe“) werden. So soll eine Brücke zwischen dem gesundheitlichen Bereich und sozialen Angeboten vor Ort geschlagen werden. Diese Projekte können für einsamkeitsgefährdete und betroffene Personen zu einer Verbesserung ihrer Situation beitragen. Je früher von Einsamkeit betroffene oder bedrohte Personen Zugang zu Hilfe und Unterstützung erhalten, desto wahrscheinlicher lässt sich eine Chronifizierung verhindern und Menschen finden leichter aus der Einsamkeit heraus. Gleichzeitig besteht im gesundheitlichen Bereich ein großes Potential Menschen für das Thema zu sensibilisieren.

Zudem kann sich Einsamkeit auf viele weitere gesellschaftliche Bereiche auswirken. Studien zeigen, dass Einsamkeit am Arbeitsplatz die Leistungsfähigkeit, das Engagement sowie die Arbeitszufriedenheit mindern kann (Jopling et al. 2023). Auf gesellschaftlicher Ebene kann Einsamkeit zu geringerem Vertrauen in politische und staatliche Institutionen sowie geringerem prosozialen Verhalten führen (BMFSFJ 2024; Schobin 2022). Diese Komplexität macht deutlich, dass die Auswirkungen von Einsamkeit in verschiedene Handlungsfelder fallen. Um das Thema nachhaltig und zielgerichtet zu fokussieren, bedarf es daher einer übergreifenden Bearbeitung.

In Deutschland arbeiten bereits zahlreiche Initiativen und Projekte zum Thema. Hierzu zählen z.B. telefon- und chatbasierte Hilfs- und Unterstützungsangebote, niedrigschwellige Begegnungsorte, aufsuchende Angebote, Sensibilisierungsmaßnahmen und Begleitdienste. Die Angebotslandschaft zum Thema wächst stetig weiter und bietet Angebote für verschiedene Zielgruppen, wie Kinder und Jugendliche, Alleinerziehende, ältere Menschen, Menschen mit Migrationsgeschichte oder von Armut betroffene Personen. Ein weiterer Vorteil des bereichsübergreifenden Agierens besteht darin, dass Angebote besser aufeinander abgestimmt werden können. So lassen sich Bedarfe gezielter identifizieren und Doppelstrukturen vermeiden.

Eine bereichsübergreifende Perspektive, kann dabei nicht nur für die hier erwähnten Aspekte ein geeigneter Ansatz sein. Ebenso können hier z.B. Themen wie die Gestaltung des öffentlichen Raums, Städte- und Wohnungsbau, Engagementförderung oder die Kinder- und Jugendhilfe fokussiert werden. Die von Bundesfamilienministerin Karin Prien angekündigte „Allianz gegen Einsamkeit“, die in diesem Jahr gestartet werden soll und Kräfte von unterschiedlichen Beteiligten in verschiedenen Bereichen bündeln möchte, kann dazu einen Beitrag leisten.

Axel Weber und Charlotte Wind sind wissenschaftliche Mitarbeitende am Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik e. V. und arbeiten im Projekt Kompetenznetz Einsamkeit.

Literaturverzeichnis

Bücker, Susanne (2022): Die gesundheitlichen, psychologischen und gesellschaftlichen Folgen von Einsamkeit. Hg. v. Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik e.V./Kompetenznetz Einsamkeit (KNE Expertisen, 10). Online verfügbar unter https://kompetenznetz-einsamkeit.de/download/2879/, zuletzt geprüft am 07.09.2022.

Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) (2024): Einsamkeitsbarometer 2024. Langzeitentwicklung von Einsamkeit in Deutschland. Berlin. Online verfügbar unter https://www.bmbfsfj.bund.de/bmbfsfj/service/publikationen/einsamkeitsbarometer-2024-237576.

Jopling, Kate; McClelland, Heather; Proffitt, Elena (2023): Loneliness at work. Kate Jopling; Heather McClelland; Elena Proffit. Hg. v. British Red Cross. Online verfügbar unter https://www.redcross.org.uk/about-us/what-we-do/we-speak-up-for-change/loneliness-at-work.

Schobin, Janosch (2022): Einsamkeit, Gesellschaft und Demokratie: Einstellungen und Teilhabe. Hg. v. Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik e.V./Kompetenznetz Einsamkeit (KNE Expertisen, 11). Online verfügbar unter https://kompetenznetz-einsamkeit.de/download/2872/, zuletzt geprüft am 14.10.2022.

WHO Commission on Social Connection (2025): From loneliness to social connection - charting a path to healthier societies. World Health Organization. Geneva. Online verfügbar unter https://www.who.int/groups/commission-on-social-connection/report/.

Hinweis zu den Meinungsbeiträgen

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