Seit der Bundestagsabstimmung über das Rentenpaket am 5. Dezember sind nun einige Wochen vergangen. Im Nachgang war über die Abgeordneten der Jungen Gruppe der CDU/CSU-Fraktion oft zu lesen, sie hätten zum Schluss einfach nur mutlos aufgegeben. Das kann man auch anders sehen. Von den wochenlangen öffentlichen Diskussionen hat die Qualität der Debatte deutlich profitiert. Die Rentendebatte 2026 wird sehr wahrscheinlich nicht mehr zum Status quo ante zurückkehren.
Was ist passiert? Erstens fand die Debatte nicht mehr isoliert statt, sondern fügte sich in die Diskussionen über Wachstum, Arbeitszeit und Wettbewerbsfähigkeit ein. Auch wenn die Koalition den Mut zu einer umfassenden Reformagenda noch vermissen lässt: Der Diskurs über die Erneuerung der Sozialen Marktwirtschaft ist in vollem Gange.
Zweitens kam eine seltene Kombination aus neuer Lust auf Grundsätzliches und neuer Sachlichkeit zutage. Zur Sachlichkeit gehörte, dass Reformentwürfe ohne die übliche Hitze miteinander konkurrieren konnten. Oft hieß es, dass Pragmatismus gefragt sei. Das verhinderte aber nicht Fragen nach der grundsätzlichen Neuausrichtung des Rentensystems. Gerade „Nachhaltigkeit“ wurde zum debattenüberwölbenden Begriff. Und die sonst übliche Frontstellung „Ökonomen gegen Sozialverbände“ wurde an erfreulich vielen Stellen durchbrochen.
Noch während der Ampelkoalition spaltete der Begriff Nachhaltigkeit eher, als dass er einte: Während die Grünen vor allem ökologische Nachhaltigkeit thematisierten, fokussierte die FDP auf fiskalische Nachhaltigkeit. In der neuen Rentendebatte hingegen wurde Nachhaltigkeit zum besser verständlichen Synonym für „Generationengerechtigkeit“ und langfristige Politik – und damit zu etwas, das konsensuales Potenzial birgt.
Zwei Studien mögen diese neue Qualität der Debatte aufzeigen.
Die erste Studie „Reformoptionen für eine stabile Rente“ (Link: https://shop.freiheit.org/download/P2@1812/1008228/FNF-Gutachten-Rente-web-final.pdf) stammt von vier Ökonomen des ifo Instituts in Dresden, Marcel Thum, Joachim Ragnitz, Grega Ferenc und Klara Lehmann, sowie dem Wirtschaftsweisen Martin Werding. Sie entstand im Auftrag der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit und wurde im Sommer 2025 veröffentlicht. Zunächst zeigen die Autoren diagnostisch in Simulationen auf, was die einfache und die doppelte Haltelinie für die anteilige Beanspruchung des BIP und des Bundeshaushalts durch das Rentensystem bedeuten.
Besonders spannend sind die therapeutischen Berechnungen. Zunächst werden vier Einzelreformen evaluiert: die Abschaffung der Rente mit 63, eine Verdoppelung des Nachhaltigkeitsfaktors, eine Kopplung des Renteneintrittsalters an die Lebenserwartung und eine Anpassung der Renten an die Inflation statt an die Lohnentwicklung. Anschließend werden die Auswirkungen von zwei Reformpaketen auf das BIP und den GRV-Beitragssatz berechnet (in beiden sind die Haltelinien gestrichen): Paket I mit Abschaffung der Rente mit 63 und Verdoppelung des Nachhaltigkeitsfaktors sowie Paket II mit allen vier Einzelreformen.
Paket I dämpft den Einfluss der Demographie auf BIP um Beitragssatz, während Paket II diesen Einfluss so gut wie vollständig bremst: Durch Paket II beanspruchen die Rentenzahlungen im Jahr 2050 10 Prozent vom BIP statt heute 9,4 Prozent, während der Beitragssatz moderat von heute 18,6 Prozent auf 19,5 Prozent im Jahr 2050 ansteigt. Die Rentner tragen dabei einen Teil der demographischen Lasten ohne übermäßigen Kaufkraftverlust.
Kurz zusammenfasst: Es braucht keine Kettensäge zur Reform des Rentensystems – eine schwungvoll bediente Heckenschere entlang aller vier Einzelreformen reicht aus, um das System für die kommende 25 Jahre nachhaltig auszurichten.
Die zweite Studie „Wohlstand für Junge: Wie der ordnungspolitische Neustart des Landes gelingen kann“ (Link: https://www.ludwig-erhard-forum.de/wp-content/uploads/2025/02/2025_Kolev_Gutachten_Wohlstand-fuer-Junge-1.pdf) stammt vom Ludwig-Erhard-Forum für Wirtschaft und Gesellschaft und entstand im Auftrag des Verbandes Die Familienunternehmer, veröffentlicht wurde sie im Februar 2025. Sie fragt nach der nachhaltigen Politik, die junge Menschen davon abhält, aus Deutschland auswandern.
Die in der Studie enthaltene Umfrage zeigt ein sehr besorgniserregendes Bild über den Generationenvertrag: Etwa 55 Prozent der tausend befragten 18- bis 25-Jährigen sehen darin eine ständige Verschiebung zu ihren Lasten. Therapeutisch geht es unter anderem um das Preis-Leistungs-Verhältnis der vom deutschen Staat bereitgestellten Güter – durch die Rentendebatte 2025 hat das Abwägen des heute zu zahlenden Preises in Form des GRV-Beitragssatzes und der künftig zu erwartenden Leistungen aus dem Rentensystem an Prominenz gewonnen.
Verlieren wir die jungen Menschen, kollabieren auch die Rentenbeiträge. Lassen Sie uns deshalb das Rentensystem so nachhaltig reformieren, so dass die junge Generation das Land nicht verlässt und hier ihre Zukunft aufbauen.
Stefan Kolev leitet das Ludwig-Erhard-Forum für Wirtschaft und Gesellschaft in Berlin. (https://www.ludwig-erhard-forum.de/)
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