GVG-Perspektive Nr. 30 - Meinungsbeitrag von Dr. Alexia Zurkuhlen, Vorständin des Kuratoriums Deutsche Altershilfe (KDA)

Pflege neu denken: Warum es keine einfache Lösung gibt - und dennoch eine gute Reform möglich ist

18.03.2026

Was in fachlichen Kreisen seit Jahren angemahnt wird, wurde inzwischen von der Politik und im Rahmen der Bund-Länder-AG “Zukunftspakt Pflege” bestätigt: Die pflegerische Versorgung stößt unter den Bedingungen des demografischen Wandels, mit Blick auf die Kostenentwicklung von Heimplätzen, auf veränderte Familienstrukturen und den übergeordneten Fachkräftemangel zunehmend an ihre Grenzen.

Aus meiner Perspektive greift ein Verständnis von Pflegeinfrastruktur, das sich primär an der Zahl stationärer Plätze orientiert, zu kurz. Entscheidend ist nicht, wie viele Einrichtungen wir bauen, sondern wie wir mit begrenzten personellen und finanziellen Ressourcen möglichst vielen Menschen eine qualitativ hochwertige und selbstbestimmte Versorgung ermöglichen. Eine zukunftsfähige Pflegeinfrastruktur muss deshalb stärker als bislang als Teil der öffentlichen Daseinsvorsorge gedacht werden – integriert, vorausschauend und ressourcenbewusst.

Was derzeit als Reform angekündigt wird, benennt wichtige Handlungsfelder, bleibt jedoch (noch) strukturell im bestehenden System verhaftet. Es fehlt (noch?) der Mut, Pflegeversorgung konsequent neu zu organisieren und vorhandene Ressourcen strategisch zusammenzuführen, statt sie weiter entlang institutioneller Zuständigkeiten zu fragmentieren.

Ein zentraler Hebel für eine nachhaltige Pflegeversorgung liegt in der konsequenten Öffnung der stationären Langzeitpflege in den Sozialraum. Pflegeeinrichtungen dürfen nicht länger als abgeschlossene Versorgungsorte verstanden werden, sondern müssen Teil eines integrierten Unterstützungsnetzwerks im Quartier sein.

Damit einher geht die Notwendigkeit, professionelle Pflegefachpersonen unterschiedlicher Qualifikationsniveaus systematisch mit den sozialräumlichen Ressourcen von An- und Zugehörigen, Nachbarschaften und zivilgesellschaftlichem Engagement zu verbinden. Nicht als Ersatz professioneller Pflege, sondern als intelligentes Pooling knapper Ressourcen. Nur so lassen sich Personalpotenziale besser nutzen, Überlastungen reduzieren und sektorale Brüche überwinden.

Pflege weiterhin entlang starrer Sektorengrenzen zu organisieren, ist unter den aktuellen demografischen und personellen Rahmenbedingungen nicht mehr tragfähig. Die traditionelle Trennung in ambulant, teilstationär und stationär entspricht weder den Lebenslagen der Menschen noch den Anforderungen an eine zukunftsfähige Versorgungsstruktur.

Dennoch steht die Langzeitpflege offensichtlich vor Erneuerungserfordernissen. Gestaltungsherausforderungen sind in der Sachlichkeit seit Jahren an mehreren Stellen herausgearbeitet worden. Ich will hier nur drei Punkte nennen: Zum einen müssen Heimplätze preiswerter für ihre Bewohnerinnen und Bewohner werden - siehe die aktuelle Debatte um die alarmierende Zahl an Empfängerinnen und Empfänger von “Hilfe zur Pflege”, die parallel zum monatlichen Eigenbeitrag steigt. Hier muss Politik im Austausch mit der organisierten Altenhilfe Wirtschaftlichkeitspotentiale erschließen.

Und: Ein Drittel der Arbeitszeit von qualifizierten Pflegepersonen wird mit Bürokratie vertan; Digitalisierung und eine bessere Organisation können hier signifikant Entlastung bringen. Arbeitserleichterungen - und damit auch eine Reduzierung der enorm hohen Krankenstände in der Altenhilfe - lassen sich auch durch die Nutzung moderner Pflegetechniken (etwa Alarmsysteme, Intelligente Betten / Aufstehhilfen, Servicerobotik) erzielen. 

Zum anderen müssen Mittel und Wege gefunden werden, um die Zahl der Heimeinweisungen deutlich zu reduzieren. Wichtige Ansatzpunkte sind hier schnell auszumachen: Bessere Versorgungsstrukturen bei alterstypischen Einschränkungen und (chronischen) Erkrankungen vermeiden Heimeinweisungen bzw. Zögern sie hinaus. Auch neue Wege für eine präventiv- und rehabilitativ-orientierte Pflege und Medizin, die nachweislich effektiv sind und kostensparend wirken, werden derzeit von der Forschung und Entwicklung in die Nutzungsreife gebracht.

Insgesamt ist nach Auffassung der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler im Kuratorium Deutsche Altershilfe (KDA) ein integrierter Hilfe- und Unterstützungsmix erforderlich, in dem Leistungen flexibel kombiniert und bedarfsorientiert gesteuert werden können. Dies setzt trägerübergreifende Kooperationen, gemeinsame Steuerungslogiken und verbindliche Koordinationsstrukturen voraus. Solange Pflege primär entlang institutioneller Zuständigkeiten organisiert wird, bleiben Effizienzpotenziale ungenutzt und Versorgungsbrüche systemisch angelegt.

Aus meiner Perspektive entscheidet sich die Zukunft der Pflege weniger an neuen Leistungsbausteinen als an der Frage der Steuerung und Sicherstellung vor Ort. Solange nicht klar geregelt ist, wer für eine sektorenübergreifende, integrierte und bedarfsgerechte Versorgung verantwortlich ist und diese Verantwortung auch verbindlich wahrnimmt, bleibt Pflegepolitik reaktiv statt gestaltend und verpasst so Chancen der Prävention und ganzheitlichen Betreuung.

Der derzeitige Zustand führt dazu, dass ein erheblicher Teil der Sicherstellungsverantwortung von einzelnen Trägern, Initiativen, engagierten Personen und nicht zuletzt von den Betroffenen selbst übernommen wird - häufig unter hoher Belastung und ohne strategische Einbettung. Das ist weder effizient noch nachhaltig, sondern produziert neue Überforderung und zusätzliche Bruchstellen im System.

Das Leitbild sorgender Gemeinschaften (oder Caring Communities) bietet hierfür eine tragfähige Orientierung: professionelle Dienstleistungen, nachbarschaftliche Unterstützung und zivilgesellschaftliches Engagement werden nicht nebeneinander, sondern systematisch aufeinander abgestimmt organisiert. Voraussetzung dafür sind neben verlässlichen Daten eine verbindliche Koordination, transparente Zuständigkeiten und eine integrierte Planung, die Wohnen, Pflege, Prävention und soziale Teilhabe zusammendenkt.

Schließlich erscheint es mir, als ob die gegenwärtige Debatte in der aktuellen Regierungskonstellation vor allem unter dem Vorzeichen von Effizienz, Finanzierbarkeit und Einsparpotenzialen geführt wird. Dass Pflege dauerhaft nur finanzierbar bleibt, wenn Ressourcen wirksam eingesetzt und Synergien genutzt werden, wird niemand ernsthaft bestreiten.

Problematisch wird diese Perspektive jedoch dort, wo sie sich auf die Frage verengt, an welchen einzelnen Stellschrauben kurzfristig eingespart werden kann. Einfache Einzelsparmaßnahmen bieten keine nachhaltigen Lösungen, sondern bergen das Risiko, dass das Vertrauen in den Sozialstaat weiter sinkt. Die Lösung liegt in einer grundlegenden Reform der Versorgung und solidarischen Finanzierung von Pflege.

Hinweis zu den Meinungsbeiträgen

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