Digitale Technologien haben das Informationsverhalten von Patient:innen grundlegend verändert. KI-gestützte Chatbots wie ChatGPT liefern rund um die Uhr Antworten auf Gesundheitsfragen und beeinflussen damit zunehmend, wie Versicherte Entscheidungen über ihre Gesundheit treffen. Welche Chancen und Risiken damit einhergehen, diskutierte die Facharbeitsgruppe Digitalisierung und eHealth am 27. März unter der Leitung von Dr. Bodo Liecker (Techniker Krankenkasse).
Verändertes Nutzungsverhalten im Netz
Helmut Gerhards, Chief Digital Officer der DAK-Gesundheit, eröffnete die Runde mit einem zentralen Befund: KI verändert die Art, wie Menschen im Internet suchen und somit auch, wie sie sich über Gesundheitsthemen informieren. Klassische Suchmaschinen werden zunehmend durch dialogorientierte KI-Systeme abgelöst, was die Qualität und Einordnung der abgerufenen Informationen vor neue Herausforderungen stellt.
Digitalisierung zwischen Potenzial und Realität
Prof. Dr. Volker Nürnberg (Allensbach Hochschule | BearingPoint) weitete den Blick auf die Digitalisierung des Gesundheitswesens insgesamt. Er benannte zwei strukturelle Problemfelder: die nach wie vor geringe Nutzung digitaler Gesundheitsanwendungen (DiGA) sowie die Gefahr von Fehldeutungen gesundheitsbezogener Daten, etwa im betrieblichen Gesundheitsmanagement. Technologischer Fortschritt allein, so sein Fazit, erzeugt noch keinen Versorgungsnutzen.
Wenn Chatbots die Sprechstunde vorwegnehmen
Dr. Alexandra Widmer, Fachärztin für Neurologie und Psychotherapie, schilderte ein wachsendes Phänomen aus ihrem Praxisalltag: Patient:innen kommen mit ChatGPT-generierten Diagnose- und Behandlungsvorschlägen in die Konsultation und haben ihre Meinung häufig bereits festgelegt. Das grundsätzliche Interesse an der eigenen Gesundheit sei positiv, doch die Verschiebung des Decision-Making weg von der ärztlichen Expertise berge erhebliche Risiken. Dazu zählen unter anderem zu früh oder zu spät gestellte Diagnosen, unkontrollierte Konkurrenz zu zertifizierten DiGAs sowie nicht erstattungsfähigen Off-Label-Empfehlungen. In der Summe gefährde dies das Vertrauen zwischen Ärzt:innen und Patient:innen, was eine tragende Säule guter Versorgung darstellt.
Die anschließende Diskussion machte deutlich, dass das Gesundheitssystem gegenüber den Dynamiken, die die Digitalisierung erzeugt, handlungsfähig bleiben muss. Das erfordert nicht nur regulatorische und strukturelle Anpassungen, sondern auch eine aktive Kommunikation mit den Versicherten über den Nutzen regulierter digitaler Medizinprodukte, über die Grenzen von KI-Empfehlungen und über die unverzichtbare Rolle ärztlicher Expertise. Nur so lässt sich Versorgungsqualität auch im digitalen Zeitalter sichern.