Eine konsistente und mutige Politik für die Modernisierung der Sozialversicherung
Interview mit Stefan Haibach, Geschäftsführer der ITSG – neues Mitglied der GVG
Herzlich willkommen bei der GVG!
GVG: Die Informationstechnischen Servicestelle der gesetzlichen Krankenversicherung (ITSG) ist 1996 gegründet worden. Könnten Sie sich und die ITSG kurz vorstellen? Was sind Ihre zentralen Aufgaben und Ziele?
Stefan Haibach: Die Informationstechnische Servicestelle der gesetzlichen Krankenversicherung (ITSG) gestaltet die Digitalisierung im deutschen Gesundheitswesen. Wir entwickeln Produkte und Dienstleistungen, die den elektronischen Datenaustausch zwischen Arbeitgebern, Leistungserbringern und Krankenkassen sowie deren Geschäftspartnern vereinfachen und beschleunigen. Wir sehen uns vor allem als neutralen Akteur, der oft im Hintergrund dafür sorgt, dass digitale Prozesse unkompliziert für die Anwendenden laufen. Wir sorgen auch dafür, dass übergreifende Aufgaben von allen Krankenkassen, deren Verbänden und anderen Beteiligten nur einmal und standardisiert erledigt werden können. Das sorgt für effiziente, zielorientierte Umsetzungen der gemeinsamen Aufgaben. Auch bei Aufgaben, die Krankenkassen und Verbände gleichartig durchführen, bieten wir geeignete Services und Module an, damit das Rad nur einmal erfunden werden muss.
GVG: Welche inhaltlichen Schwerpunkte stehen aktuell im Fokus?
Stefan Haibach: Die Weiterentwicklung des Datenaustausches im Hintergrund ist ein zentrales Thema: Ob es um die Anbindung der deutschen Sozialversicherung nach Europa, die Erweiterung um neue digitale Formate für Anträge, Abrechnungen und mehr geht, um moderne und auch in Zukunft sichere Technologien oder um benutzerfreundliche Systeme für alle Anwendenden, die mit Daten im Gesundheitswesen zu tun haben. Auch das Thema IT-Sicherheit, die Integration von Künstlicher Intelligenz in den Services, im Betrieb und in der Konzeption und Entwicklung beschäftigen uns sehr.
GVG: Die Zukunft der sozialen Sicherung ist ein wichtiges gesellschaftliches Querschnittsthema. Bei der GVG finden Sozialversicherungsträger, Versicherungsunternehmen oder berufsständische Versorgungswerke genauso ihren Platz wie die Erbringer von Gesundheitsleistungen, Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände oder das Know-how aus Wissenschaft und Zivilgesellschaft. Was waren die Beweggründe der ITSG, Mitglied in der GVG zu werden?
Stefan Haibach: Wir sehen eine sehr große Relevanz darin, aus den Silos der Sektoren und der Träger auszubrechen und übergreifend zu denken. Viele der heutigen Probleme kommen aus früheren Aufteilungen von Themen, Zuständigkeiten und Aufgaben. Es muss nicht die eine große Organisation geben, aber es sind grundlegende einheitliche Verständnisse über Formate, Ziele, Standards und auch Architekturen notwendig. Diesen Austausch auf fachlicher Ebene schätzen wir in der GVG sehr, um die Erkenntnisse daraus in gute technische Prozesse umzusetzen.
GVG: Welche gemeinsamen Interessen und politischen Schwerpunkte möchten Sie innerhalb der GVG künftig besonders einbringen?
Stefan Haibach: Vor 30 Jahren entstand die ITSG aus dem Gedanken, das Gesundheits- und Sozialwesen zu digitalisieren. Unsere Gesellschafter sind die Spitzenorganisationen der Krankenkassen. Wir sind also tief in der Sozialversicherung verankert. Unser politisches Selbstverständnis liegt daher in allem, was die demokratische Grundordnung sowie die Prinzipien der Solidarität und der Selbstverwaltung stärkt. Unsere Interessen liegen immer dort, wo wir mit unserem fachlichen Know-how und unserer technischen Expertise dazu beitragen können, die Sozialversicherung bezahlbar zu halten und sie fit zu machen für eine komplett digitale Gegenwart.
GVG: In der GVG engagieren sich viele unterschiedliche Akteure mit verschiedenen Perspektiven. Welche Chancen und Herausforderungen sehen Sie in der interdisziplinären Zusammenarbeit für die Weiterentwicklung der sozialen Sicherung?
Stefan Haibach: Wir haben als kassenartenübergreifender IT-Dienstleister einen guten Einblick in bestehende Systeme, in deren Unterschiede sowie in deren Anbindungen nach innen und außen. Manchmal wundern wir uns, warum bestimmte Dinge nicht besser abgestimmt sind. Oft stehen fachliche Perspektiven dahinter, die man heute effizienter umsetzen könnte – wenn sie rechtzeitig technisch eingeordnet werden. Wir sehen eine große Chance darin, uns früh in fachliche Diskussionen mit einer technischen und einer neutralen Sicht einzubringen. Nicht, um die Technik die Fachlichkeit steuern zu lassen, sondern um die beste technische Lösung für fachliche Aufgaben der Sozialversicherung und angrenzender Bereiche zu finden. Die hohe Komplexität, die Verteilung der Aufgaben und die manchmal gewachsene Struktur motiviert uns sehr, nachhaltig gute Lösungen zu finden. Darunter verstehen wir, das gemeinsame Verständnis der Anforderungen und der technischen Möglichkeiten zu verbessern und auf dieser Basis nicht in Konkurrenz, sondern in einer gemeinsamen Anstrengung Lösungen zu bauen, die allen Menschen und Unternehmen im Land einen einfachen, sicheren, stabilen und lösungsorientierten Zugang zum Gesundheits- und Sozialwesen ermöglichen. Im Idealfall überall nahezu auf gleiche Weise und immer nutzenorientiert.
GVG: Sie schaffen durch die Digitalisierung von Verwaltungsprozessen finanzielle Freiräume für die wichtigen gesundheitlichen Versorgungsaufgaben. Welche verlässlichen Rahmenbedingungen brauchen Sie, damit Ihre Vision für ein bezahlbares Gesundheitssystem Wirklichkeit wird?
Stefan Haibach: Je eher es etablierte, gemeinsam genutzte Standards gibt, desto besser, denn so können alle beteiligten Parteien viel Zeit und Geld sparen, weil die Diskussion um die beste Vorgehensweise und die etwaige Umsetzung weiterer neuer Übermittlungs- oder Zertifizierungsweisen wegfällt. Besonders hilfreich wären sektorübergreifende Standards, also nicht nur innerhalb der Sozialversicherung, sondern auch zum Beispiel im Steuerwesen. Dazu gehört auch ein gleiches, gemeinsames Verständnis von Begrifflichkeiten, zum Beispiel vom „Arbeitgeber“ oder vom „Kind“.
GVG: Die Bundesregierung hat mit der Einsetzung verschiedener Kommissionen einen Reformprozess angestoßen. Wie schätzen Sie den bisherigen Prozess ein, und welche Themen sind aus Ihrer Sicht für den weiteren Reformprozess besonders relevant?
Stefan Haibach: Für uns ist besonders das kommende Gesetz für Daten und digitale Innovation im Gesundheitswesen (GeDIG) von besonderem Interesse, denn damit wird die systematische Nutzung von Gesundheitsdaten möglich und die Interoperabilität wird gefördert. Diese neuen Möglichkeiten möchten wir zum Vorteil der Versicherten nutzen und wir sind überzeugt, dass die ITSG hier ein exzellenter Gesprächs- und Gestaltungspartner für die Krankenkassen ist, denn wir sind wie gesagt ein neutraler, kassenneutraler Akteur und wir haben über 30 Jahre Erfahrung mit dem deutschen Gesundheits- und Sozialwesen. Was wir beim GeDIG, aber auch bei weiteren Reformen brauchen, ist eine konsistente und mutige Politik, die die deutsche Sozialversicherung nachhaltig und langfristig modernisiert.
Informationen zur Informationstechnischen Servicestelle der gesetzlichen Krankenversicherung (ITSG):
Die Informationstechnische Servicestelle der gesetzlichen Krankenversicherung (ITSG) ist eine GmbH mit Sitz im hessischen Offenbach am Main. Sie übernimmt im Auftrag der Krankenkassen Aufgaben zur Vorbereitung, Realisierung und Optimierung der Datenaustauschverfahren. Gegenstand des Unternehmens ist die Unterstützung der Standardisierung und Normierung des Datenaustauschs in der gesetzlichen Krankenversicherung durch Produkte und Dienstleistungen sowie die Datenverarbeitung im Auftrag der Krankenkassen und ihrer Verbände. Mit effizienten IT-Systemen und digitaler Vernetzung leistet die ITSG einen Beitrag zur Finanzierbarkeit des Gesundheitssystems der Zukunft - nutzbar für Versicherte, Leistungserbringer und Krankenkassen. Bis 2030 will die ITSG ihre Position als Innovationstreiber im IT-Umfeld der GKV, als zuverlässiger Partner bei der Verarbeitung hochsensibler Daten sowie als attraktiver Arbeitgeber ausbauen. Mehr Informationen erhalten Sie hier.