"Wir verstehen uns als Brückenbauer zwischen Wissenschaft, Politik, Wirtschaft und Verbrauchern."
Interview mit Dr. Peter Schwark, Sprecher des Deutschen Instituts für Altersvorsorge (DIA).
GVG im Gespräch: Herr Schwark, wofür steht das DIA – und welche Fragen rund um die Altersvorsorge beschäftigen Sie derzeit besonders?
Dr. Peter Schwark: Das DIA analysiert seit vielen Jahren die Zukunft der Alterssicherung aus einer unabhängigen und langfristigen Perspektive. Wir verstehen uns als Brückenbauer zwischen Wissenschaft, Politik, Wirtschaft und Verbrauchern.
Aktuell beschäftigen uns vor allem drei Fragen: Wie bleibt Altersvorsorge in einer alternden Gesellschaft finanzierbar? Wie kann mehr Kapitalbildung für breite Bevölkerungsschichten gelingen? Und wie stärken wir das Vertrauen insbesondere junger Menschen in die Alterssicherungssysteme?
GVG im Gespräch: Die Alterssicherung steht vor einem grundlegenden Wandel. Die Rentenkommission befasst sich intensiv mit möglichen Lösungen. Wie sehen Sie die bisherige Arbeit der Kommission?
Dr. Peter Schwark: Positiv ist, dass die Herausforderungen endlich wieder langfristig diskutiert werden. Genau das fordert das DIA seit Jahren. Die Alterssicherung lässt sich nicht von Legislaturperiode zu Legislaturperiode denken.
Entscheidend wird sein, ob die Politik nun den Mut entwickelt, die demografischen Realitäten offen anzusprechen und Lösungen umsetzen, die langfristige Nachhaltigkeit versprechen und so verloren gegangenes Vertrauen gerade bei den Jungen wieder herstellen. Für das neue Versorgungsziel von 70 % vom letzten Nettoeinkommen braucht es ein starkes Zusammenspiel von gesetzlicher, betrieblicher und privater Vorsorge.
GVG im Gespräch: Wo sehen Sie aktuell den größten Handlungsbedarf in der Alterssicherung? Welche Aspekte kommen in der Debatte bislang zu kurz?
Dr. Peter Schwark: Zu oft diskutieren wir Verteilung. Dabei wird die Zukunft unserer Alterssicherung wesentlich davon abhängen, ob mehr Menschen länger arbeiten und ob sie zugleich zusätzlich länger kapitalgedeckt vorsorgen. Es geht auch darum, dass sie rechtzeitig ausreichende eigene Ansprüche aufbauen können.
Außerdem kommt die Perspektive der jüngeren Generation häufig zu kurz. Das DIA beobachtet seit Jahren, dass das Vertrauen junger Menschen in die langfristige Leistungsfähigkeit der Alterssicherung sinkt. Wer über die Zukunft der Rente spricht, muss deshalb stärker über Generationengerechtigkeit und nachhaltige Finanzierung sprechen.
GVG im Gespräch: Das DIA ist jetzt Mitglied in der GVG geworden. Welchen Mehrwert bietet Ihnen die Mitgliedschaft?
Dr. Peter Schwark: Die GVG ist einer der wenigen Orte, an denen unterschiedlichste Akteure der sozialen Sicherung miteinander ins Gespräch kommen. Gerade diese Vielfalt macht die Mitgliedschaft für uns attraktiv.
Wir möchten unsere Erkenntnisse, Analysen und Studien stärker in die Diskussion einbringen und zugleich von den Perspektiven anderer Akteure lernen. Gute Sozialpolitik entsteht dort, wo unterschiedliche Erfahrungen und Sichtweisen zusammenkommen.
GVG im Gespräch: Mit welchen Themen und Perspektiven möchte sich das DIA künftig in die Arbeit der GVG einbringen?
Dr. Peter Schwark: Unsere Schwerpunkte sind der demografische Wandel, die Zukunft der Alterssicherung und die Frage, wie mehr Menschen zu zusätzlicher Vorsorge gelangen können.
Besonders spannend finden wir die Diskussion über Generationengerechtigkeit, finanzielle Bildung und die bessere Verzahnung von gesetzlicher, betrieblicher und privater Vorsorge. Hier kann das DIA seine langjährigen Erfahrungen einbringen.
GVG im Gespräch: In der GVG kommen Organisationen mit sehr unterschiedlichen Positionen zusammen. Welche Chancen bietet dieser Austausch?
Dr. Peter Schwark: Große sozialpolitische Herausforderungen lassen sich nicht aus einer einzigen Perspektive lösen. Gerade bei Renten-, Gesundheits- oder Pflegefragen müssen unterschiedliche Interessen zusammengeführt werden.
Die Stärke der GVG liegt darin, dass sie einen faktenorientierten Dialog ermöglicht. Gemeinsame Lösungen entstehen dort, wo unterschiedliche Akteure bereit sind, über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen und langfristige Verantwortung zu übernehmen.
GVG im Gespräch: Der demografische Wandel wird häufig vor allem als Belastung beschrieben. Was wird dabei übersehen?
Dr. Peter Schwark: Wir reden häufig über die Kosten des demografischen Wandels, aber zu selten über seine Potenziale. Die Menschen leben heute nicht nur länger, sondern bleiben auch länger aktiv, engagiert und leistungsfähig.
Der demografische Wandel zwingt uns, Arbeit, Weiterbildung und Altersvorsorge neu zu denken. Wenn wir die Potenziale älterer Menschen besser nutzen und gleichzeitig Kapitalbildung über den Lebensverlauf stärken, kann daraus ein Gewinn an Teilhabe, Eigenverantwortung und Generationengerechtigkeit entstehen.
Über das Deutsche Institut für Altersvorsorge (DIA)
Das Deutsche Institut für Altersvorsorge (DIA) ist eine unabhängige Denkfabrik, die seit 1997 Wissen und Orientierung zu Altersvorsorge und Vermögensbildung vermittelt. Das DIA analysiert Entwicklungen der gesetzlichen, betrieblichen und privaten Altersversorgung, schafft mit Studien und Umfragen empirische Grundlagen und ordnet aktuelle Entwicklungen und Reformvorhaben ein. Als Ansprechpartner für Medien, Wissenschaft, Wirtschaft und Politik bringt das DIA seine Erkenntnisse in den öffentlichen Diskurs ein und ist Impulsgeber zu Themen wie demografischer Wandel, Generationengerechtigkeit und zukunftsfester Alterssicherung.